Lebenslang begleitet uns das Wort als geschriebene Information. Wir werden in ein Geburtsregister eingetragen, lernen lesen und schreiben, schreiben uns für die Weiterbildung ein, um dort wieder viel zu schreiben, bekommen Neuigkeiten und Mitteilungen in geschriebener Form, helfende Medikamente werden verschrieben, wir bekommen vom Amt ein Schreiben oder wir wurden aufgeschrieben und erhalten ein Einschreiben. Wir schreiben uns Adressen und Kochrezepte auf und teilen schreibend lieben Menschen mit, wie gern wir ihnen näher wären. Das war schon immer so und wird auch so bleiben, nur die Ausdrucksweise und die Form unterliegen ständigem Wandel und z.T. auch vereinfachender Veränderung. Für den Ahnenforscher, den Freund der Wappenkunde und den Sammler alter Dokumente ist eine gründliche Beschäftigung mit der deutschen Schrift allerdings unerlässlich. Für das gedruckte Wort legte die technische Entwicklung einen gewaltigen Weg vom hölzernen Druckmodel bis zur modernen Druck- und Kopiertechnik zurück. Bei der Handschrift gab es zwar auch manche Veränderungen vom Federkiel zum Füllhalter, aber die individuelle Ausdruckskraft als herausragende Eigenart der Handschrift ist geblieben. Die Handschrift diente doch nicht nur den eigenen Notizen und dem privaten Schriftverkehr, sondern stellte auch die eigene Persönlichkeit dar und war Ausdruck des Bildungsgrades beim Verfassen eines Lebenslaufes sowie des Bewerbungsschreibens um eine Anstellung oder gar einem Schreiben an die Obrigkeit. Es ist noch nicht lange her, dass der Lebenslauf immer in handgeschriebener Form verlangt wurde. Ab ca. 1940 kam es auch bei der Handschrift immer häufiger zu Vermischungen der deutschen und lateinischen Formen. Dieser Vorgang führte im Verlaufe der folgenden 20 Jahre zu einer fast völligen Verdrängung der deutschen Handschrift bzw. deren Reste. Aus dem bisher Genannten ist abzulesen, dass Stil und Schreibtechnik sowie auch die Ausdrucksform einem ständigen Wandel unterliegen. Diese zum Teil anpassenden oder auch vereinfachenden Veränderungen unserer Schrift sind aber auch unverkennbarer Hinweis darauf, dass unsere Schrift und Sprache etwas Lebendes darstellt, dem der Keim zur Veränderung innewohnt. Nur birgt diese ständige Anpassung an veränderte Anforderungen auch die Gefahr, dass Schönes, Vollkommenes und historisch Wertvolles aus vergangenen Zeiten weder bewahrt, noch gepflegt, sondern einfach vergessen wird. Wer kann sie heute noch lesen oder gar schreiben die alte deutsche Handschrift in der Form einer Kurrent oder Sütterlin? In verstaubten Archiven lagern unzählige dieser handgeschriebenen Kunstwerke und werden damit dem Interessierten als Belege für ein Kulturgut ganzer Generationen sogar vorbehalten. Oder beobachten Sie doch bitte einmal junge Leute, die vor einem Regal in einer Bücherei oder einem Antiquariat stehen und hier auf Bücher stoßen, die in einer gebrochenen Schrift gedruckt sind. Nur können diese Interessenten gar nichts dafür, dass ihnen diese Schriftformen Schwierigkeiten bereiten. Im bemerkenswerten Gegensatz dazu steht, dass die Werke der Meister vergangener Jahrhunderte, sofern sie denn Werke z.B. der Malerei, Musik oder Baukunst sind, mit großem Aufwand gepflegt, restauriert und präsentiert werden. Sind wir denn mit soviel Kulturpflege überfordert, dass wir einfach die Schrift von Generationen unserer Vorfahren vernachlässigen oder vergessen dürfen. Haben wir im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung bereits vergessen, dass es bis vor gar nicht allzu langer Zeit erst die äußere Gestaltung und die Sorgfalt in der Handschrift waren, mit denen ein offizielles Schreiben Beachtung erlangen konnte. Sind wir es den vergangenen Generationen nicht schuldig, das zu bewahren, was ihnen anerzogen und zum Wertbegriff wurde: Eine schöne Handschrift.

Diese Zeilen schrieb Adolph Menzel im Jahre 1840.

Textübertragung:

 

Verehrter Freund !

Vorgestern, am Dienstag war ich mit meiner Verwandschaft und Familie in Potsdam. Sie von diesem Ereigniß zu benachrichtigen, ist nun zwar nicht mein Zweck, aber doch eine Veranlassung mich, so gut das geht, bei Ihnen und den lieben Ihrigen wegen meines unterlassenen Besuches zu entschuldigen. Wir mußten sehr früh herüber, um möglichst Vieles in Augenschein zu nehmen, also zu einer Zeit, die sich für einen Ueberfallmit Fremden sehr wenig eignete.

Im 18 ten und 19 ten Jahrhundert führten die deutschen Länder eine Schul- oder auch Bildungspflicht ein. Dieses bedeutete jedoch keinesfalls, das dieser Schritt mit einer Normung oder einheitlichen Verfahrensweisen verbunden war. Der Schritt wurde eigentlich erst im 20 ten Jahrhundert vollzogen. Trotzdem ist bemerken, dass bereits im 19 ten Jahrhundert auch in den Volksschulen die Deutsche Schrift und das Schreiben und Lesen mit lateinischen Buchstaben nebeneinander gelehrt wurde. Ein Beispiel dafür ist das nachfolgend vorgestellte

Schul-Lesebuch aus dem Jahre 1884. Die allgemein unterwiesene Handschrift war und blieb die Deutsche Schrift in den Formen Kurrent und Sütterlin (Herr Sütterlin aus Berlin schuf die einheitliche Schulausgangsschrift für beide Buchstabenformen). Erst im Jahre 1940 ordneten die damaligen politischen Machthaber die allgemeine Nutzung der lateinischen Buchstaben im Sinne einer Einheitsschrift an und verboten die Nutzung und Unterweisung der Deutschen Schrift.  Damit vollzogen sich auch einige reformierende Änderungen, denen u.a. die langgeschriebene S-Form zum Opfer fiel.

Die Deutsche Schrift in einer Fraktur- (gebrochenen) form gleichberechtigt neben dem Text aus lateinischen Buchstaben.

Folgend ein Auszug aus einer Amtsakte mit Textübertragung. Weiterhin eine Postkarte, die deutlich zeigt, dass die üblichen Schreibregeln nicht immer als verbindlich angesehen wurden.

Der Auszug aus einer Amtsakte ist eine Verlängerung der Gewerbegenehmigung und hat folgende wörtliche Übersetzung:

 

Behufsfortsetzung der Krugwirtschaft der Krüge Tourbier und Rollin für das Jahr 1868 wird pflichtmäßig hierdurch attestiert, dass die Nützlichkeit der Krugwirtschaften durch das Ortsbedürfnis im Allgemeinen erfordert wird, dass Tourbier sowohl als auch der Rollin einen moralisch guten Wandel geführt und zu Beschwerden keine Veranlassung gegeben haben, auch deren Verhältnisse es gestatten, dass ein ordnungsgemäßer Gewerbebetrieb im Sinne der allerhöchsten Kabinetsorder vom 7. Februar 1835 unbedenklich zu erwarten steht und daß die zum Gaststättenbetriebe in den Häusern des Tourbier und Rollin bestimmten Localien dazu vollkommen geeignet sind.

 

Bergholz, den 20. September 1867

 

 

Wolf Schulz

 

Die abgebildete Postkarte wurde am 12.08.1902 in Giersdorf (Riesengebirge) auf den Weg gebracht. Nachfolgend die Übertragung der handgeschriebenen Mitteilung des Absenders. Bei der Schriftübertragung wurde mehr auf die möglichst genaue Übertragung im Sinne von Zeichen für Zeichen geachtet, als auf die Rechtschreibung. Es ist überhaupt ein zu bedenkendes Problem bei der Schriftübertragung evtl. nur sinngemäß zu übertragen und damit den Urheber korrigieren zu wollen. Es könnten persönlichkeitstypische Eigenheiten verschwinden. Interessant ist auch, dass bereits vor 100 Jahren in den Worten Spassvogel und Gruss das Doppel-s an die Stelle des derzeit üblichen ß gesetzt wurde.

 

Gestern eine Partie nach Petersdorf auf die Dachsbaude der neuen Bahnstrecke Schweiberhau unternommen, dort war es herrlich. Laß doch bitte mal etwas aus Breslau hören. Viele Grüße sendet Dir sowie Deinen Lieben Allen Elfriede Liebig.

 

 

Randtext: Wenn doch nur die Karte größer wäre das mehr drauf ginge.  

Es war früher einst ein wichtiger Begriff. Die Schönschrift. Und sie wurde in den Schulen stetig gelehrt und fleißig gelernt. Sie war der Schlüssel für weitere Bildungsstufen und Sprosse für den beruflichen Aufstieg. 

Heute hat sich das leider geändert. Mit einem Federhalter oder Füller kann kaum noch Jemand schreiben. Auch der Kugelschreiber weicht immer mehr der Tastatur. Es soll bereits Schulen geben, die es praktizieren die Schreibschrift mit verbundenen Buchstaben gegen das Aneinanderreihen gemalter Druckbuchstaben auszutauschen. Da liegt doch fast die Vermutung nahe, dass nicht nur die Deutsche Schrift, sondern auch die Hand-Schreibschrift allgemein, in baldiger Zeit nur noch Kulturgüter sein könnten, um deren Pflege man sich bemühen sollte.

Mein lieber Herr Naumann !

 

Zu meinem lebhaften Bedauern mußte ich Ihre Abwesenheit in den beiden letzten Vereinsabenden bemerken.Ich gestatte mir deshalb, Sie hiermit zu unserer nächsten Zusammenkunft (13.-m) einzuladen. Wir haben übrigens nächsten Sonntag ein Tanzkränzchen, zu welchem Sie doch keinesfalls fehlen dürfen. Auf Ihr bestimmtes Erscheinen hoffend begrüße ich Sie inzwischen freundlich.

Zum eigenen Üben und Einlesen nachfolgend ein Text aus dem Bereich der Küche

Auf der Folgeseite möchte ich einige alte und vielleicht fast vergessene Rezepte aus der Küche der "Guten alten Zeit" in ungeordneter Reihung vorstellen. Viel Spaß damit und wenn es mit der Textübetragung einmal nicht sofort klappt: Email an opaklaus@email.de reicht und die Antwort kommt.

An dieser Stelle bietet es sich an ein ungewöhnliches Vokabelheft oder noch besser einen Zeitzeugen vorzustellen. Leider ist mir  der Urheber nicht bekannt und deshalb bin ich so frei vorzuschlagen, dass es eine Köchin war, die in den ersten Wochen der Nachkriegszeit in Diensten einer russischen Familie oder Verwaltungseinrichtung war. Sie war sicher der russischen Sprache nicht mächtig und schrieb deshalb ein Wörterbuch - ihr Wörterbuch. Die ihr vertrauten Begriffe folglich in Deutscher Schrift. Die Buchstaben des russischen ABC kannte sie nicht und lautierte deshalb die gesprochenen Worte und übertrug sie in ihr Wörterbuch. Dieses mal jedoch imit lateinischen Buchstaben. Man muß sich nur zu helfen wissen. - Zwei Beispiele:

Kartoffelpudding

 

 

1 Pfund gebrühte geriebene Kartoffel 8 Eier 8 Loth Zucker die Schale u. Saft einer Zitrone alles gut gerührt den Schaum der Eier mi (?) einigen bitteren Mandeln in einer Form 1¼ St. gekocht.

Fleischvögel

 

Das Kalbfleisch vom Schlegel wird in längliche Stücke geschnitten(wie zu Schnitzel)n geklopft, gesalzen u. gepfeffert. Hierauf wird geriebenes Brot mit Fleischbrühe oder Milch angefeuchtet; Dann wird Zwiebel, Petersilie u. das angefeuchtete Brot in Butter gedämpft; dann gibt man 2-3 Eier, Salz u. Pfeffer daran, dies alles wird gut untereinander gemischt auf die Fleischstücke gestrichen, zusammengerollt und in der Mitte zusammengebunden; in Butter, Zwiebel u. Gelbe Rüben schön gelb (gebacken) gebraten; wenn sie fertig sind herausgenommen; dann wird die Schü gemacht, die Vögel in dieselbe wieder gelegt bis sie warm sind und dann werden sie angerichtet.

Man gibt gewöhnlich Schwarzwurzeln dazu.

 

 

Anm.: In diesem Text werden Doppel-n und Doppel-m als Einzelbuchstaben mit kleinem Querstrich eingesetzt.

Araccreme

 

375 gr. Zucker werden mit 12 Eigelb leicht geührt, sodann mit ¼ Liter Sahne unter beständigem Schlagen auf dem Feuer bis zum Kochen aufgerührt. Ist diese Masse in eine Schüssel gegossen, kalt geschlagen, so wird sie mit 30 gr. In Wasser eingeweichter aufgelöster Gelatine vermischt, ¼ Ltr. Arac wird dazugerührt, ½ Liter geschlagene Sahne unter die Masse gerührt, die man darauf in eine Form füllt, aufs Eis stellt. Gestürzt wird die Speise mit geschlagener Sahne garniert.

 

 

Anm.: Sicher eine nicht ganz jugendfreie Kalorienbombe.


AK mit Grüßen zum Ersten Schultag